Serie Flaeche

Habt Ihr schon mal versucht, eine Wand homogen weiss zu streichen? Es ist unmoeglich. Man arbeitet und rollert und streicht und mit einem Mal nimmt das Auge nimmt immer feiner Differenzierungen wahr und entdeckt auf der – zuerst - vermeintlich weissen Wand ploetzlich Schattierungen und Unregelmaessigkeiten, die einen zweiten Anstrich erfordern. Kaum ist dieser getrocknet holt uns auch hier wieder die gesteigerte Sensibilitaet unseres Sehorgans ein und wieder stoeren Schatten, Muster, Schlieren. Es geht uns wie Archilles mit der Schildkroete. Wir kommen immer naeher, aber eine weisse Wand erreichen wir nie.

Mindestens genauso schwierig und spannend ist aber auch der umgekehrte Weg. Eine Flaeche nicht anzustreichen sondern zu gestalten. Viele Schichten und Lasuren, unterlegte Zeichnungen oder Kritzeleien geben Struktur und Plastizitaet. Farbe will variiert werden, Fundstuecke fuegen sich als Collage in die Strukturen ein. Tiefe ergibt sich nicht bereitwillig, sondern muss erarbeitet werden. Bei aller Vielfalt darf aber keines der Elemente dominieren und alles soll sich zu einer Harmonie zusammen fuegen. Dies ist oft der schwierige und schmerzliche Punkt. Man hat ein wirklich gutes  Element geschaffen und muss es dennoch z.B. durch eine Uebermalung zuruecknehmen, damit sich der Solist wieder in das Orchester einfuegt und ein Ganzes entsteht. Wie in einer Firma sind auch hier Team Player gefragt.

Und genauso wie das Anlegen und Gestalten einer Flaeche Zeit braucht, ist auch fuer das Erfassen einer Flaeche Zeit erforderlich. Zu Beginn ziehen einzelne Stellen das Auge an, dann folgt ein Erforschen der Details auf verschlungenen Pfaden und wieder ein Abstandnehmen um das Ganze zu erfassen. Und so entsteht ein Wechselspiel zwischen Naehe und Ferne und die Gedanken gehen auf die Reise. Aus unserem Inneren projizieren wir Stimmungen, Erfahrungen, Assoziationen in das Bild. Und darum sehen verschiedenen Menschen auch Verschiedenes beim Betrachten eines abstrakten Bildes. In gewisser Weise sehen wir uns wahrscheinlich selber. Es erinnert mich an das Kinderspiel Wolkenschauen, wo der eine in einer Wolkenformation ein Ungeheuer und der andere ein Schloss sah.

Und genau das ist dann auch oft der Punkt, der mich zwingt ein Bild noch einmal zu ueberarbeiten, weil sich allzu vordergruendige Assoziationen aufdraengen. Die naechste Runde ist eingelaeutet und oft veraendert ein Schritt, der dann kettenreaktionsartig weitere impliziert ein Bild voellig. Dennoch wirkt alles, was in frueheren Schritten und Schichten vorhanden war weiter, so wie in unserer Biographie nichts jemals ungeschehen gemacht werden kann und wir unsere Vergangenheit immer mit uns herumtragen, spielt auch in einem Bild seine Historie und Entwicklung eine Rolle.

Ihr seht, Bilder ‚nur’ aus Flaechen zu gestalten ist ein langer Prozess - unheimlich schwierig, nervig, frustrierend, spannend - und unheimlich schoen.